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Aktualisiert am 18.06.10

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Andrea Springer

Kosmopolit

Er war vom Flughafen mit dem Taxi zum Hotel gefahren. Wie immer hatte er im Geiste ein kurzes Porträt des Taxifahrers erstellt. Manchmal war ihm das als Einstieg in den späteren Text nützlich.

Nach dem Einchecken hatte er das Gepäck aufs Zimmer gebracht, den Mantel aufgehängt und einen prüfenden Blick aus dem Fenster und ins Bad geworfen: das übliche Ritual. Die verspiegelt-marmorn-cremefarbene Anonymität des Hotelzimmers hatte für ihn etwas so Vertrautes, dass er sich auf der Stelle zu Hause fühlte.

Und wie immer brach er kurz danach zu einem Spaziergang durch die Stadt auf. Das tat er, egal zu welcher Tages- oder Nachtzeit er ankam. Jede Stunde verriet etwas über den Charakter eines Ortes, auch wenn nur Katzen auf Schattenjagd gingen.

Es war ein erstes Kontaktaufnehmen, manchmal erfüllt von Erinnerungen an einen früheren Besuch, auf jeden Fall aber ohne eine Wertung und voller Neugier. Wenn nur die Menschen sich mit solcher Unbefangenheit begegnen würden, wie er sie den Städten gegenüber zeigte!

Auf den stundenlangen Spaziergängen trug er den konzentrierten Blick eines Chirurgen bei der Arbeit. Er lauschte. Die Leuchtreklamen, die Mauern, die Pflasterung der Gehsteige, Straßenlaternen, der Verkehr, die Schritte und die Gesichter der Menschen, selbst der Staub auf den Straßen, alles sprach zu ihm. Er sog die Gerüche auf, die aus den Lokalen oder Garküchen waberten, von Mülltonnen aufstiegen oder von blühenden Bäumen herunterrieselten. Er kannte den Duft von heißem Asphalt unter der Sonne Kaliforniens, den von zertretenen Blumen nach einem Markttag und den von gerösteten Heuschrecken.

Jede Stadt hatte ihre eigene Färbung und ihren Rhythmus, die vielen Geräusche waren kein Lärm, sondern sie formten sich zu Melodien, die es zu erspüren und zu verstehen galt. Jede Stadt war Poesie.

Wenn ihm die Füße müde wurden und der Kopf von der Anstrengung zu schwirren begann, ging er in ein Lokal und bestellte Wasser. Das war stets das Erste, was er in einer neuen Stadt zu sich nahm. Auch das Wasser hatte überall seinen ganz eigenen Geschmack.

Auch jetzt saß er in einem Café, oder eher gesagt auf der Terrasse davor, nein, eigentlich war es auch keine Terrasse, eigentlich waren es nur ein paar Tische und Stühle auf dem Rathausplatz einer europäischen Stadt, irgendwo am Mittelmeer. Es war April und er genoss das sanfte Licht, das sich im Staub der Luft verfing und alles irgendwie leuchten ließ. Es war Siesta-Zeit und er war der einzige Gast inmitten der vielen leeren Stühle, zwischen denen Tauben und Spatzen nach Krümeln pickten. Am anderen Ende des Platzes fotografierten Touristen das Rathaus. Einen kurzen Moment lang stellte er sich die Eröffnungsszene eines Films vor: Man blickt aus der Luft auf die Stadt, sie rückt näher, die Kamera schwenkt auf den leeren Platz, dann auf die vielen Tische und Stühle, zwischen denen ein einzelner Mann sitzt. Was der Film wohl für eine Geschichte erzählen würde?

Sein Körper sehnte sich nach Entspannung und er fragte sich, ob er zurück zum Hotel gehen und ein paar Stunden schlafen sollte, doch noch hielt ihn etwas zurück. Vielleicht war es nur die Trägheit seiner Umgebung, die sich auf ihn übertragen hatte, jedenfalls spürte er noch nichts, nichts von der schicksalhaften Entscheidung, die in ein paar Minuten über ihn kommen würde. Er war einfach nur ein Reisender, der sich einen Moment ausruhte.

Er zählte die wichtigsten Stationen der letzten Monate auf:

Bangkok Kalkutta Delhi Istanbul Paris Zürich Mailand Venedig

Um Rom hatte er einen Bogen gemacht, da war er schon vor einem halben Jahr gewesen. Wie oft hatte er die Welt in den letzten drei Jahren umrundet? Drei oder vier Mal? Seine Route folgte keinem bestimmten System, wurde diktiert von seinen Launen und von den Aufträgen, die er erhielt. Er schrieb Städteporträts. Für Zeitungen und Magazine und für seine Buchreihe „Blick auf die Welt“, deren erste zwei Bände bereits erschienen waren. Was er verdiente reichte aus, um seine Kosten zu decken, auch wenn nicht viel davon übrig blieb.

Er blieb nirgendwo länger als eine Woche. Die ersten paar Tage streifte er durch die Stadt, dann musste er all die aufgesogenen Eindrücke ordnen und in einen Text fassen, wenn der Text fertig war, reiste er ab.

Er hatte keine Wohnung in seinem Heimatland mehr. Tatsächlich war er seit seinem Aufbruch vor drei Jahren nur zwei Mal dort gewesen, zur Premiere seiner Bücher, und auch dazu hatte ihn sein Lektor mit Engelszungen überreden müssen. Und hätte er ihn nicht am Flughafen abgeholt, er wäre nach ein paar Minuten zurück in die Abflughalle gelaufen und in den nächsten Flieger nach Panama gestiegen.

Alles, was er besaß, passte in einen großen Koffer und eine Reisetasche. Das Wichtigste war natürlich sein Laptop; einerseits sein Arbeitsgerät, mit dem er sein Geld verdiente, andererseits sein einziges Kommunikationsmittel. Es spielte keine Rolle, dass er keinen seiner Freunde aus der Heimat seit Jahren gesehen hatte. Er traf sie auf Facebook. Bislang war das genau die Art von Sozialkontakt gewesen, die ihm lieb war. Die er aushielt.

Wieder fragte er sich, ob er ins Hotel gehen sollte. Als er probeweise seinen Stuhl zurückschob, um herauszufinden, ob es sich richtig anfühlte, flatterte eine erschrockene Taube auf, nur um sich zwei Meter weiter niederzulassen und ihren seltsamen Gang fortzusetzen, bei dem ihr Kopf vor- und zurückruckte, als wäre er durch einen verborgenen Mechanismus mit den Beinen verbunden. Er hatte den Eindruck, dass sie ihm dabei einen etwas empörten Blick zuwarf.

Die Tauben. Keine Stadt ohne Tauben, und überall sahen sie gleich aus. Sie sind die wahren Kosmopoliten, dachte er und vergaß seinen Vorsatz, aufzustehen, schon wieder. Sie sind die Konstante, die alle Orte der Welt gemeinsam haben (bis auf Thule in Grönland vielleicht, aber da war er noch nicht gewesen, deshalb wusste er es nicht), diese immerfort gurrenden, grau-grün-glänzenden Mitbewohner der Zivilisation. Überall werden sie gleichermaßen beschimpft und doch gefüttert. Einen Augenblick lang war er erstaunt über diese Erkenntnis und darüber, dass sie ihm bis jetzt entgangen war.

Aber eigentlich sind es doch keine Kosmopoliten, widersprach er sich dann selbst. Er konnte sich nicht vorstellen, dass eine Taube jemals ihr gewohntes Territorium verließ oder gar in eine andere Stadt zog. Wieso sollte sie auch.

Er merkte, dass er unwissentlich sein eigenes Leben mit dem einer Taube verglichen hatte, nach einer Gemeinsamkeit gesucht und das Gegenteil gefunden hatte, und kam sich auf einmal lächerlich vor. Er schnippte einen Zigarettenstummel von der Tischplatte in Richtung der Vögel. Nicht mal zu einer Metapher taugt ihr, dachte er dabei verärgert.

Jetzt hatte sie ihn ergriffen, eine Erregung, die er nicht gewohnt war und die ihm seltsam vorkam. Sein Blick begann unruhig über den menschenleeren Platz zu wandern.

An der Häuserfront gegenüber wurde ein Fenster in einem der oberen Stockwerke geöffnet. Für einen kurzen Moment erschien der Oberkörper einer Frau, sie neigte sich leicht nach draußen, wobei langes schwarzes Haar über ihre Schultern nach vorne fiel, und ließ den Blick über den Platz schweifen, dann verschwand sie hinter einem Kleid, das sie von innen an die Gardinenstange hängte. Der Mann bildete sich ein, dass ihr Blick eine Sekunde lang auf seiner Gestalt geruht hatte. Plötzlich fragte er sich, wie es wäre, diese Frau zu sein, in dieser Wohnung am Rathausplatz zu wohnen, in dieser Stadt zu arbeiten und einkaufen zu gehen. Zu welcher Gelegenheit sie wohl das Kleid tragen würde?

Du könntest dich dazu entscheiden. Ein Gedanke, klein und hell wie der Ton einer Triangel und mit dem gleichen Nachhall.

Mit einer fahrigen Bewegung tastete er nach seinem Portemonnaie. Nicht um zu zahlen, das hatte er schon getan, als der Kellner das Wasser brachte, sondern um stattdessen ein Foto daraus hervorzuziehen. Er hielt das Papier ein paar Augenblicke in der Hand, während sein Blick noch immer an dem Kleid im Fenster hing, dann senkte er die Augen und sah sie an. Ein blasses Gesicht, umrahmt von glatten, hellblonden Haaren, lächelte ihm von dem abgegriffenen und schon leicht zerknickten Bild entgegen. Es war das gleiche Gesicht, das gleiche Lächeln wie immer, und doch erschien es ihm plötzlich anders. Er spürte die Schuld nicht mehr so stark. Zum allerersten Mal zog es ihm nicht die Kehle zusammen, ihr in die Augen zu blicken. Ja, er hörte sich sogar im Geiste fragen, ob ihr diese Stadt mit ihrem sanften Licht gefallen hätte. Er hatte das Gefühl, dass sie zu ihr gepasst hätte. Sie war von der gleichen Sanftheit und Helligkeit gewesen.

Er ließ es nicht Revue passieren. Nicht die schicksalhafte Nacht, nicht den Morgen nach ihrem Tod, diese Ereignisse, die ihn auf doppelte Weise aus seinem damaligen Leben herauskatapultiert hatten. Das war nicht nötig, nicht in diesem Augenblick.

Aber es soll dennoch erzählt sein.

Sie waren seit zwei Jahren verheiratet gewesen und er hatte seit Wochen gespürt, dass etwas nicht so war, wie es sein sollte, dass ihm etwas entglitt. Aber er hatte nicht gewusst, was, und er war zu sehr mit Arbeit beschäftigt gewesen, um dem Gefühl nachzuspüren.

Am Abend vorher hatten sie sich gestritten, heftig und lange, über eine Belanglosigkeit, die er schon nicht mehr benennen konnte, als der Streit zu Ende war. Fast genau vierundzwanzig Stunden später, nachdem sie zwei Gläser Rotwein getrunken und einen Krimi im Fernsehen gesehen hatten, sagte sie ihm, dass sie sich in einen anderen Mann verliebt hatte. Und dass dieser Mann einer seiner besten Freunde war.

Am Anfang war er ganz ruhig geblieben. Hatte das leere Rotweinglas in der Hand gehalten und mit rauer Stimme gefragt, ob sie miteinander geschlafen hatten. Er hatte sich gefühlt wie in einem langsam anfahrenden und dann immer schneller werdenden Zug, alles entfernte sich von ihm. Und konnte es sein, dass er sich so stark und gelöst fühlte? Und dann war er doch nicht vorbereitet auf die Wucht, mit der ihn ihr wortloses Nicken traf.

Das nächste, was er bewusst wahrnahm, war ihr tränennasses Gesicht vor dem Hintergrund der dunklen Nacht. Es regnete. Sie war schon aus der Tür getreten, da hatte sie sich noch einmal umgedreht. „Ich glaube, ich sollte jetzt nicht Auto fahren“, hatte sie mit zitternder Stimme gesagt. Er schlug die Tür zu. Und folgte hinter der schützenden Scheibe des Küchenfensters den roten Rückscheinwerfern, bis sie verschwanden.

Die Polizei klingelte ihn aus einem unruhigen Schlaf. Es hatte einen Unfall gegeben. Und sie war tot.

Drei Wochen später hatte er die Wohnung gekündigt, alle Möbel verkauft, die Katze ins Tierheim gegeben, sich bis auf weiteres krank gemeldet und war abgereist. Von Kairo aus kündigte er die Stelle bei der Zeitung endgültig. Dass ihn das Schreiben dennoch nicht losließ, hatte ihn gerettet. Als er in Kapstadt war, hatte er die ersten Reportagen verkauft. Und in Melbourne erreichte ihn die Zusage eines Verlags.

Und jetzt? Innehaltend auf einem leeren Platz einer europäischen Stadt, in das Gesicht der Vergangenheit blickend, wissend, dass sie da war und ihn niemals loslassen würde und doch ohne das erdrückende Gefühl der Schuld? Was geschah da mit ihm?

Die Stadt hatte einen Flughafen. Er konnte also jederzeit weg, wenn er wollte. Er war frei. Er konnte die halbfertigen Texte der letzten Monate überarbeiten und sich dann ein neues Projekt suchen. Es gab nichts, worüber man nicht schreiben konnte. Er war frei zu gehen, aber auch zu bleiben.

Die vielen zu vermieten-Schilder kamen ihm in den Sinn, die er an den Balkonen der in Würde gealterten Herrenhäuser gesehen hatte. Er könnte sich eine solche Wohnung mit hohen Decken und quietschenden Dielen nehmen und wie die Frau gegenüber seinen Blick hinunter auf die Straße schweifen lassen. Er könnte jeden Tag in der kleinen Bäckerei einkaufen, an der die Leute vorhin Schlange gestanden hatten. Er könnte die Landessprache lernen und in dieser Schlange vor dieser Bäckerei diese Frau kennen lernen.

Er musste ins Hotel und seinen nächsten Flug stornieren. Marokko? Was wollte er in Marokko? Dort gurrten die Tauben genauso.

Die Frau am Fenster, die hinter dem Schutz ihres Kleides den so verloren wirkenden Fremden unten auf dem Platz betrachtet hatte, sah ihn hastig aufspringen. Die Schöße seines Jacketts wehten ihm hinterher, als er mit großen Schritten den Platz überquerte. Tauben stoben in alle Richtungen vor ihm davon.

Der Kellner fand, als er das Glas abräumte, das Foto einer blonden Frau auf dem Tisch. Er hielt es in der Hand und betrachtete es lange, bevor er sich entschied, es in die Kasse zu legen. Nur für den Fall, dass der Fremde zurückkam und danach fragte.


Andrea Springer wurde 2010 von der Jury zur Lesung um den Hattinger Förderpreis für junge Literatur nach Hattingen eingeladen und hat am 19. September im Stadtmuseum in Blankenstein diesen Text vorgetragen.

Sie ist Jahrgang 1987 uns lebt in Gießen.