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Ernst Jandl
der wahre vogel
fang eine liebe amsel ein
nimm eine schere zart und fein
schneid ab der amsel beide bein
amsel darf immer fliegend sein
steigt höher auf und höher
bis ich sie nicht mehr sehe
und fast vor lust vergehe
das müsst ein wahrer vogel sein
dem niemals fiel das landen ein
Der späte Ernst Jandl (1925 2000) hat es mit der Unerbittlichkeit sehr weit getrieben. Seine Gedichte sind zornige Ausfälle gegen die Unvollkommenheit des Körpers und die Schwäche des Fleisches. Flüche gegen jedwede religiöse oder metaphysische Tröstung. Sein Gedicht über den „wahren vogel“, entstanden Anfang der 1980er Jahre, zeugt nicht unbedingt von Tierliebe.
Als der „wahre vogel“ wird sarkastisch ein verstümmeltes Tier apostrophiert, dem die Beine abgeschnitten wurden und das damit zum ewigen Fliegen verdammt ist. Das scheint eine sadistische Phantasie zu sein und ist doch nur Ausdruck einer Sehnsucht, sich vom Boden lösen zu können, das Leiden eines alten Mannes, der selbst nicht mehr richtig gehen kann. Der Dichter selbst gleicht dem Vogel, der zum dauerhaften Singen und Fliegen verurteilt ist. Fast höhnisch, in böse-parodistischer Weise wird zudem Wilhelm Müllers romantisches Volkslied „Das Wandern ist des Müllers Lust“ aufgerufen.
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