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Francis Jammes
Der Monat September
Tierkreis
Der September ist der Waage untertan: Tage und Nächte von ein und derselben Dauer gleichen sich aus. Der Mond in seiner schwarzen Schale ist das Gegengewicht zur Sonne in ihrer blauen.
Es gibt verschiedene Waagen:
Die von einer feierlichen Frau gehaltene Waage des Notars, die Zeichnung eines Stempelpapiers zu sechzig Pfennig darstellend.
Die Waage des Krämers: Sie hat ihren Herrn noch nie bestohlen.
Die unruhige Waage des Apothekers: Oh, wie vorsichtig sie ein gefährliches Gift abwägt, wenn der Giftmischer, ein Samptkäppchen auf dem Kopf, den schwankenden Waagebalken durch die Goldbrille hindurch prüft, die seine grünlichen Augen verdoppelt.
Dann gibt es die Waage Gottes, die alle anderen Waagen wägt.
Landschaft
Ein heftiger Duft ergreift mich. Ich höre Stimmen unter dem blauen Himmel, der auf den kleinen Weinberg abgefärbt zu haben scheint. Ich luge über die Hecke. Ein Greis sitzt unter der Laube beim offenen Kelterhaus, dem die Düfte neuen Weins entsteigen. Dort unten ist wieder eine Hecke und dort ein anderer bescheidener Weinberg, und so ins Unendliche weiter. Wenn die Stimmen schweigen, summt eine Wespe. Ich hebe den Kopf, um zu sehen, ob es nicht der Propeller eines Flugzeugs ist.
Septemberchronik
Wie erstaunt war ich, bei großen Weinernten unter den truppweis ausrückenden Winzern einen Mann mit mageren behaarten Beinen und einem Panama auf dem Kopf wie einen Silen tanzen zu sehen. „Ich bin“, sagte er zu mir, „ein alter Hypothekenverwalter, der wegen eines Irrtums im Datum verkrachte. Ich mische mich jedes Jahr in solch eine Arbeiterschicht und presse die Trauben bei freigebigen Herren aus. Da ich keinen Pfennig mehr habe, kann ich wenigstens während einiger Tage meine Vorliebe für hellen Wein befriedigen.“
(aus: Francis Jammes: Der Dichter Ländlich. Zitiert nach: Die Fünf Weltteile. Ein Verlegerjahrbuch, Rhein-Verlag, Basel 1928)
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