Siegfried Lenz
Ich machte mich auf den Weg, mit dem ersten Zug am Donnerstag.
Ich saß unentwegt am Abteilfenster und sah in dies stille, verschlossene Land, sah durch die sanfte Kontur meines Spiegelbildes über sandige Äcker und kaum geriffelte Seen, krumme Sandwege liefen auf geduckte Höfe zu, Störche schwangen zu sapschenden Wiesen ab, der Wald zog und zog sich, sperrte hier eine Anhöhe mit Denkmal aus, dort eine Lichtung für ein hölzernes Forsthaus, auf schiefen Pfählen baumelten Netze an den Seeufern, eine Herde stand bis zu den Eutern in lehmtrübem Wasser, Flöße trieben einen langen Fluss hinab, das Land war unverletzt, es war sanft und geheimnisvoll - Zigeuner saßen vor ihrer verwimpelten Wagenburg, ein Schäfer stand schwarz wie ein angekohlter Baum, über den Hügeln mahlte ein Fuhrwerk, dessen Kutscher schlief: alles, was du sahst, verwies auf den Vorrat an Zeit und Geduld, ohne den es hier wohl nicht ging - nicht ging, nein.
Ich stieg aus, auf der zweiten Station stieg ich aus, gab meine Fahrkarte ab und ließ mir die Differenz zurückzahlen, und dann zog ich los in Richtung Sokolken, zuerst auf warmer Schotterstraße, später auf verwachsenen Feldwegen, die auf meiner Karte nicht eingezeichnet waren. Ich war glücklich, ich spürte den Rücksack nicht. Selbstverständlich schnitt ich mir einen Kadikstock, weniger allerdings, um ihn bei jedem Schritt in den Boden zu stoßen, als um auf morsche Zaunlatten zu trommeln und verstaubte Brennesseln zu rasieren.
(aus dem Roman Heimatmuseum von Siegfried Lenz)